Medienberichten zufolge bereitet Schleswig-Holstein vor, dass das Abitur künftig auch mit Unterstützung durch Künstliche Intelligenz abgelegt werden kann – eher früher als später. KI-Tools sind im Unterricht vielerorts bereits angekommen. Ein Beispiel: Eine Schule in Lübeck testet Unterrichtsszenarien mit einem Chatbot, der Schreibimpulse gibt, Texte erklärt und Feedback strukturiert. Kurz: Der Schulalltag holt die digitale Realität ein – und das Prüfungswesen zieht nach.
Wenn Du Sprachen lernst oder bald Prüfungen vor Dir hast, ist die Frage weniger „ob“, sondern „wie“ KI dort eine Rolle spielen wird. Genau darum geht’s hier: Was „KI-Unterstützung“ in Prüfungen heißen kann, welche Chancen und Risiken das bringt – und wie Du Dich klug darauf vorbereitest.
Was „KI-Unterstützung“ in Prüfungen konkret heißen könnte
„KI in Prüfungen“ ist nicht gleich „alles erlaubt“. Realistisch sind klar definierte Einsatzszenarien mit Spielregeln:
- Zugelassene Schreib- und Übersetzungshilfen
- Rechtschreib- und Grammatikvorschläge (ähnlich wie fortgeschrittene Korrekturfunktionen)
- Stil- und Kohärenzhilfen, die Vorschläge machen, aber nicht alles automatisch umschreiben
- Übersetzungshilfen mit klarer Kennzeichnung, wenn sie genutzt wurden
- Offene Aufgabenformate
- Schreibaufgaben mit realitätsnahen Rollen (E-Mail, Blogpost, Stellungnahme), bei denen KI als „Co-Autor“ erlaubt ist – aber die Herkunft offengelegt werden muss
- Recherche-nahe Aufgaben mit bereitgestelltem Material, das zusammengefasst, verglichen oder bewertet werden soll
- Getrennte Bewertung von Sprachkompetenz und Prompting-Kompetenz
- Sprachliche Qualität: Wortschatz, Grammatik, Kohärenz, Register
- Prompting: Klarheit der Anweisungen an die KI, Fähigkeit zur Korrektur von KI-Fehlern, Quellenangaben
- Transparenz- und Nachvollziehbarkeitspflichten
- „KI verwendet: ja/nein“ als Pflichtangabe
- Abgabe des Prompt-Verlaufs bzw. der zentralen Prompts und wesentlicher Zwischenschritte
- Benennung des Tools und der Version
- Technischer Rahmen
- Prüfung auf schulischen Geräten oder in abgesicherten Umgebungen
- Offline- oder On-Premise-Modelle, um Datenschutz zu sichern
- Einschränkungen (z. B. keine Bildsuche, keine externen Links)
Die Chancen: Prüfungen näher an der Wirklichkeit
Richtig gestaltet, kann KI in Prüfungen einiges verbessern:
- Realitätsnahe Aufgaben: In Studium und Beruf schreibst Du selten ohne Hilfsmittel. Prüfungen, die KI einbeziehen, spiegeln diese Realität und messen, wie gut Du Tools zielgerichtet und kritisch nutzt.
- Fokus auf Denken statt Auswendiglernen: Wer argumentiert, strukturiert und bewertet, zeigt mehr Kompetenz als jemand, der Regeln herunterbetet. KI kann Routinekorrekturen übernehmen, während Du Dich auf Inhalte, Belege und Stilentscheidungen konzentrierst.
- Besseres, schnelleres Feedback: KI kann Entwürfe kommentieren und typische Fehler markieren. In Kombination mit Lehrkraft-Feedback entsteht eine Lernschleife, die Dich schneller nach vorn bringt.
- Individuelle Förderung: Adaptives Üben berücksichtigt Dein Niveau. Für stärkere Lernende gibt’s anspruchsvollere Schreibaufträge, für Einsteiger klare Gerüste.
Die Risiken, die wir ernst nehmen müssen
Wo Chancen sind, gibt’s Hausaufgaben:
- Chancengleichheit: Wer hat Zugang zu Geräten, wer nicht? Einheitliche, schulgestellte Infrastruktur und Ausgleichsregelungen sind Pflicht.
- Technische Ausstattung: Stabile Netze, verfügbare Geräte, Support – sonst werden Prüfungen zur Lotterie.
- Datenschutz: Schülerdaten dürfen nicht in undurchsichtigen Clouds landen. DSGVO, Datenminimierung, europäische Rechenzentren oder lokale Lösungen sind entscheidend.
- Prüfungsordnung und Fairness: Klare Regeln, was erlaubt ist, sowie Sanktionen bei Verstößen. Keine Grauzonen, die „clevere Tricks“ belohnen.
- Bias und Qualität: KI kann Vorurteile reproduzieren oder in Sprache und Beispielen bestimmte Gruppen benachteiligen. Schulen brauchen geprüfte, transparente Modelle und Leitlinien zur Erkennung von Verzerrungen.
- Nachvollziehbarkeit: Es muss belegbar sein, welche Teile von Dir und welche mit KI entstanden sind – ohne in überwachungsintensive Proctoring-Methoden abzurutschen.
Sprachfächer: Wo KI sinnvoll ist
Gerade in Sprachen bietet KI echte Mehrwerte, wenn sie gezielt eingesetzt wird:
- Schreibaufgaben und Textkohärenz
- KI kann Dir helfen, eine grobe Gliederung zu bauen, Übergänge zu glätten und stilistische Varianten zu testen.
- Geeignete Prüfungsformate: Stellungnahmen, Leserbriefe, E-Mails, Abstracts, Posts mit vorgegebenem Publikum und Zweck.
- Stil und Register
- Vom formellen Anschreiben bis zum lockeren Kommentar: KI-Vorschläge können Dir zeigen, wie sich Ton und Wortwahl an Kontext und Zielgruppe anpassen.
- Revision und Selbstkorrektur
- Lass Dir Fehler erklären („Warum ist das falsch?“), bitte um Alternativen und wähle bewusst. Das zeigt Meta-Kompetenz.
- Lexik im Kontext
- Statt Vokabellisten auswendig zu büffeln, lässt Du Dir Beispiele in passenden Situationen generieren – und überprüfst sie kritisch.
- Strukturierte Übersetzung
- Als Hilfsmittel mit Offenlegung: Du nutzt eine Erstübersetzung und erklärst anschließend Deine Korrekturen. Bewertet wird, wie Du Fehler erkennst und verbesserst.
Sprachfächer: Was ohne KI geprüft werden sollte
Es gibt Teilkompetenzen, die weiterhin „hands-on“ gemessen werden müssen:
- Aussprache und Prosodie
- Live-Sprechaufgaben, Vorträge, Lesevorträge mit anschließender Reflexion.
- Spontane mündliche Interaktion
- Dialoge, Rollenspiele, Diskussionen zu unbekannten Impulsen – ohne Skript, ohne KI-Backchannel.
- Hörverstehen
- Authentische Audio-/Videotexte mit gezielten Verständnisfragen, die nicht durch ein Tool voranalysiert werden.
- Grundlegende Sprachmittel
- Basisgrammatik, Kernstrukturen, gebräuchliche Redemittel – stichprobenartig auch ohne Hilfsmittel, um Deine autonome Kompetenz sichtbar zu machen.
Praxis: Leitlinien, Offenlegung, Beispielaufgaben und Bewertungsrubriken
Damit KI-Prüfungen fair und sinnvoll funktionieren, braucht es klare Spielregeln.
- Leitlinien für verantwortliche KI-Nutzung an Schulen
- „Didaktik first“: KI ist Werkzeug, kein Ziel.
- Datenschutz by design: möglichst lokale/ EU-Server, Auftragsverarbeitung, Datenminimierung, keine Lernendenkonten ohne Einwilligung.
- Whitelist statt Wildwuchs: Freigegebene Tools, dokumentierte Modellversionen.
- Transparenz: Protokolle, in denen Prompts, wichtige Zwischenschritte und Quellen erfasst werden.
- Barrierefreiheit und Support: Schulungen für Lehrkräfte und Lernende; Alternativen bei technischen Problemen.
- Offenlegungspflicht
- Auf jeder Abgabe: „KI verwendet: ja/nein“. Wenn ja: Tool/Version, zentrale Prompts, was genau übernommen/überarbeitet wurde.
- Kennzeichnung im Text möglich, z. B. Klammern [KI-Entwurf überarbeitet].
- Beispielaufgaben „mit vs. ohne KI“
- Mit KI erlaubt: „Verfasse eine 400–500 Wörter lange Stellungnahme zu ‘KI im Fremdsprachenunterricht’. Nutze ein freigegebenes Tool, um eine Gliederung zu erstellen und Stilvarianten zu testen. Lege Prompts, Zwischenstände und Deine finalen Entscheidungen offen.“
- Ohne KI: „Hör Dir ein zweiminütiges Audio zu ‘Digital literacy’ an und fasse die Kernargumente in 150–200 Wörtern zusammen. Arbeite die Haltung der Sprecherin heraus.“
- Hybride Aufgabe: „Übersetze einen kurzen Kommentar ins Französische. Du darfst ein KI-Tool für eine Rohübersetzung verwenden. Markiere anschließend alle Passagen, die Du korrigiert hast, und begründe in 5–7 Punkten Deine Änderungen.“
- Bewertungsrubriken (Beispiele)
- Mit KI:
- Inhalt/Argumentation: 40 %
- Sprachliche Qualität nach Überarbeitung: 30 %
- Prompting-Kompetenz (Zielklarheit, Iteration, Fehlermanagement): 20 %
- Transparenz/Quellenangaben: 10 %
- Ohne KI:
- Sprachrichtigkeit (Grammatik/Orthografie): 35 %
- Wortschatz/Angemessenheit des Registers: 25 %
- Kohärenz und Textaufbau: 25 %
- Aufgabenerfüllung/Umfang: 15 %
Vorbereitung: So nutzt Du KI als Coach – nicht als Krücke
Du willst fit sein, egal ob „mit“ oder „ohne KI“ geprüft wird? Hier ein Trainingsplan:
- KI als Schreibcoach
- Bitte um Feedback zu Kohärenz, Übergängen und Tonalität. Fordere Begründungen ein („Erkläre mir die Regel dahinter“).
- Fehler verstehen statt nur korrigieren
- Lass Dir typische Fehler erklären und sammle eigene Fehlerkarten: Regel + zwei Gegenbeispiele + eine Merkhilfe.
- Vokabeln im Kontext
- Erstelle Kontext-Dialoge und Mini-Szenen statt bloßer Listen. Variiere Register (formell, neutral, umgangssprachlich).
- Simulierte Prüfungssituationen
- Trainiere im Wechsel: einmal ohne KI (Zeitlimit, Handschrift/Offline), einmal mit KI (inkl. Prompt-Protokoll). So bist Du in beiden Modi souverän.
- Prompting üben
- Starte mit Klartext: Rolle, Ziel, Umfang, Ton, Kriterien. Lerne, iterativ zu verfeinern und KI-Behauptungen zu prüfen.
- Datenschutz im Blick
- Keine personenbezogenen Daten in offene Tools tippen. Nutze Schul- oder vertrauenswürdige Apps mit klarer Datenschutzerklärung.
- Eigene Stimme bewahren
- Lies Deinen Text laut. Klingt er wie Du? Passe KI-Vorschläge an Deinen Stil an, statt umgekehrt.
Wenn Du mit einer Lern-App arbeitest, achte auf Funktionen wie personalisierte Übungen, KI-gestütztes Feedback, Prüfungsmodus ohne Internet und Export mit „KI verwendet: ja/nein“. In Apps wie Synapse Lingo kannst Du zum Beispiel Vokabeln im Kontext mit Bildern, Zahlen und kurzen Texten verankern, Schreibaufgaben iterativ verbessern lassen und zwischen „Coach-Modus“ (KI hilft) und „Prüfungsmodus“ (ohne KI) umschalten – genau die Wechsel, die Dich prüfungsfest machen.
Ausblick: Warum das über Schleswig-Holstein hinaus wichtig ist – und was Lern-Apps jetzt liefern sollten
Was in Schleswig-Holstein anläuft, dürfte Schule machen: Andere Bundesländer werden ähnliche Modelle prüfen, und auch externe Sprachzertifikate (z. B. Schulkooperationen, Hochschulzugänge, Berufsabschlüsse) müssen sich fragen, wie sie KI-Kompetenz fair bewerten. Erwartbar ist ein Mix aus:
- Aufgaben mit erlaubter, offengelegter KI-Nutzung (realitätsnah, komplex, argumentativ)
- Aufgaben ohne KI (mündlich, Hörverstehen, spontane Produktion)
- Klare Dokumentation und getrennte Bewertungsdimensionen
Für Lern-Apps heißt das:
- Prüfungsnahe Funktionen
- Moduswahl „mit/ohne KI“, Zeitlimits, Offline-Optionen, Protokollierung von Prompts.
- Datenschutzbewusste Architektur
- Datenminimierung, EU-Hosting oder On-Device-Modelle, transparente Einstellungen, keine Weitergabe von Lernenden-Daten.
- Transparenz
- Sichtbare Kennzeichnung, wann KI beteiligt war; Exportfunktionen mit Offenlegung.
- Evidence-based Didaktik
- Aufgaben, die nachweislich Schreibkompetenz, Kohärenz und Stil fördern; klare Rubriken; Feedback, das erklärt statt nur verbessert.
- Fairness und Zugänglichkeit
- Bias-Checks, inklusives Sprachdesign, Unterstützung für unterschiedliche Lernniveaus.
Fazit ohne großes Banner: KI wird Deine Sprachprüfungen nicht „leichter“, aber relevanter machen. Wenn Schulen klare Leitplanken setzen, Lehrkräfte didaktisch steuern und Du KI als Coach nutzt, statt ihr blind zu vertrauen, gewinnst Du doppelt – bessere Sprache heute und digitale Souveränität für morgen.
